2 Tagesritt nach Courcelon JU
Man serviert einen kleinen Coupe für alle, auf Kosten des Hauses. Einfach, weil heute Sonntag ist. So lässt es sich leben! Rundum satt legen wir die Glacelöffel nieder und blicken zufrieden zu den weissen Geissen auf den grünen Hängen von Bärschwil hinüber. Die Sonne lacht vom blauen Himmel…..
Alles wahr, wirklich.
Begonnen hat der 2-Tagesritt nach Courcelon allerdings ein wenig anders:
Am Samstag kurz vor 10 Uhr starteten 7 Reiterinnen mit ihren Freibergern (4), Schweizern (2) und Haflinger (1) auf der Lämmlismatt in Fehren. “Sölli oder sölli nid?“, Gemeint war: sölli den Regenmantel anziehen? Erste Tropfen versprachen nämlich, die trüben Wetterprognosen zu bestätigen.
Wenig später verliessen auch in Büsserach drei höchst aufgeregte Pferde mit mindestens zwei ebenfalls aufgeregten Reiterinnen den Stall „Ma petite“ Wer nun wen angesteckt hat mit Aufregung, kann ich als Neuling im Reiterbusiness und Gast an diesem Anlass nicht mit absoluter Sicherheit beantworten: jedenfalls ereichten wir so zügigen Schrittes den Treffpunkt Grien in Breitenbach, dass wir noch einige Zeit der Viehschau von weitem zusehen konnten. Die Aufregung der „ma petite“-Crew“ stieg wieder sprunghaft an, als plötzlich die erwähnten sieben Pferde daherklapperten. Rasch versuchten wir, in der vorwärtsstrebenden Reitergruppe unseren Platz zu finden. Nur war mir nicht so klar, nach welchen Gesetzmässigkeiten man dabei vorzugehen hat. Lucys Ohrenstellung nach habe ich die Aufgabe nicht so gut gelöst. Die lärmende Hauptstrasse trug das ihre dazu bei. Doch zum Glück überquerten wir diese Hauptstrasse bald und ritten auf immer ruhiger werdenden Wegen in die beruhigenden grünen Felder hinaus. Weg vom Dorf, Verkehrslärm, vom Alltag.
Wege gibt es ja viele hier. Wir Reiterinnen hatten jedoch nie die Qual der Wahl, welchen wir wählen (nicht mal in Wahlen) Diese Wahl nahm uns Bruno Pfeiffer, unser Bike-Leiter ab. Vielen Dank, Bruno, es war superangenehm.
Hinter Wahlen ritten wir in die tiefen Wälder rund um den Stürmenchopf hinein und gewannen dabei stetig an Höhe. Das Wetter hatte sich endgültig für grau und nass entschieden. Allerdings nur so nass, dass die Nässe auf den Hosen vorzu wieder zu trocknen vermochte. Doch nun tauchte Nässe von unten auf, in Form eines kleinen flachen Baches, den es zu durchqueren galt. Yeah, so werden müde Pferde munter. Was doch der Herdentrieb alles vermag: wasserscheue Tiere stürzen sich wiehernd in die 15cm hohen Fluten, um nur jaaaaa nicht alleine diesseits des Jordans zu bleiben.
Und wieder ging’s höher, Richtung Wasserberg. Welch treffender Name heute. Rauch steigt vor einer Hütte auf, einige Biker scheinen sich hier zu wärmen… aber die kennen uns ja! So stossen Nadja, Urs und Riccardo zu uns oder besser gesagt wir zu ihnen. Sie sind nämlich mit ihren wackeren Hunden vorausgebikt und haben nicht nur ein wärmendes Feuer vorbereitet sondern im Wald kunstvoll ein Pferderestaurant eingerichtet: prima Bäume zum Anbinden mit leckeren Heuballen daneben. Pferd, was willst Du mehr. Wir jedenfalls wollten unter dem Vordach der Hütte unser Picknick geniessen und die steifen Glieder am Feuer wärmen und lockern.
Nach der Rast ritten wir wirklich steil hinauf zum Wasserberg. Oben empfingen uns freundliche Rinder und Schafe, Dennoch verliessen wir die grasigen Höhen schnell wieder und nun ging es abwärts, abwärts, abwärts. Ein gutes Stück führten wir die Pferde, um ihnen die steilen Teerstrassen zu ersparen. Endlich erspähten wir durch den lichter werdenden Wald die Ebene von Delémont und bald darauf ereichten wir den Weiler Courcelon.
Auf dem grossen Hof von Familie Lachat wartete bereits ein dickes Strohbett auf die müden Vierbeiner. Ein ganzer Rundballen Heu versprach unseren Freunden einen Abend voller Knabberspass. Kessel um Kessel Wasser wurden verteilt, die Umgebung mit Sätteln und Zäumen dekoriert und zufrieden blickten wir bald auf die malmenden Tiere, die wie in einer Schlange an der Stallwand angebunden standen.
Nun taten wir dasselbe: in einer Schlange stehen. Und zwar vor dem einzigen WC. Dabei fielen manche Sprüche auf dem Wartebänkli, die das Warten verkürzten. Fotos zeugen von Ungeheuerlichkeiten, die dort geschehen sein sollen… ich weiss da nur was aus 2. Hand und schreibe es deshalb lieber nicht auf…
In einem Pferdeanhänger warteten schon unsere Schlafsäcke und trockene Kleider. Welch ein Service! Was für eine Organisation! Merci beaucoup, Franziska und Bruno!!!
Unbemerkt haben wir heute den Röschtigraben durchritten und nun durften wir mit Lachats unser Französisch üben. „Dormir sur la paille“ bedeutet also: man rolle seinen Schlafsack im Stroh aus. Fertig. Und nun ab ins Restaurant Couronne. Mit rund 400.- kurbelten wir das einheimische Gewerbe an und genossen dafür Salat, Hauptgang und Glace. Die Auffrischung unserer Französischkenntnisse war gratis.. Gegen 22 Uhr hielt uns nichts mehr auf den Stühlen und so sanken wir nach einem letzten Füttern und Tränken ins Stroh. Der Regen trommelte aufs Scheunendach.
Sonntag 7 Uhr. Nichts trommelt mehr! Draussen ist und bleibt es trocken. Füttern. Schlange stehen. Frühstück in der guten Stube der Familie. Nun wird genau rapportiert und erzählt, wer wann was getan hat in dieser Nacht. Die ganze Nacht hindurch schien immer jemand wach gewesen zu sein, um zu hören. Wer hat geschnarcht? Gestöhnt? Geredet? Wasser getrunken? Aufs Klo gegangen? Übrigens eine gute Idee, dies nach Mitternacht zu tun; keine Schlange steht dann.
Einige schienen aber auch gut geschlafen zu haben! Jedenfalls weckte uns der feine Kaffee in Familie Lachats Stube. Der einheimische Honig, die selbstgemachte Konfi und der würzige Käse mundeten. Alles freundlich serviert. Wer übrigens Stroh nicht liebt, kann bei Lachats in komfortablen Zimmern samt Dusche/WC wohnen zu fairem Preis.
Das Strohlager der 2-Beiner wird geräumt, dasjenige der 4-Beiner ebenfalls. Gesättigt und gesattelt stehen die 10 Pferde vor 10 Uhr zum Abritt bereit. In flottem Schritt verlassen wir Courcelon. Juhui, es wird immer heller. Schon scheint die Sonnte. Jacken runter, weg die Mäntel. Der Weg heute ist einfach wunderschön. Keine Hauptstrassen, kein Verkehr. Weisse Kalkfelsen schimmern durchs sattgrüne Unterholz, dunkelrote Brombeeren gluschten am Wegesrand. Stetig gewinnen wir Höhe. Absteigen und Tore öffnen? Gibt’s für uns nicht. Erledigt unser Biketross. Ihr wart spitze, vielen Dank. Wenn es wieder mal besonders schön und fotogen wird, lauern schon die Paparazzis am Wegesrand und zielen mit ihren Kameras auf Ross und Reiter. Man darf sich sicher auf die Ausbeute dieser Fotojagd freuen. Auch hier ein Dankeschön, liebe Biker!
Kurz vor dem Fringeli wird es wieder mal aufregend: ein Graben (Vielleicht der Röschtigraben?) mit Bächlein und anschliessendem steilen Bord wartet auf mutige Pferde. Jedes Pferd löst die Aufgabe etwas anders. Mächtige Sprünge oder auch kleinere, auf jeden Fall gelangen alle heil auf die nächste Wiese. Der erhöhte Adrenalinspiegel gibt frischen Schub und so erreichen wir mit bald 800 Metern über Meer unseren höchsten Punkt heute beim Fringeli.
Aufmerksame Reiter lockern hier bereits ein Loch am Sattelgurt denn sie wissen: die nächsten 350 Höhenmeter sind so steil, dass wir die Pferde führen. Schweissüberströmt vom Bremsen erreichen wir eine halbe Stunde später Bärschwil. Bei Karl und Doris Laffer dürfen wir alle Pferde im Stall anbinden. Heu und Wasser versüssen ihnen die Pause. Ausserdem werden sie persönlich betreut und überwacht! Vielen lieben Dank!
Wir steigen ab zum Restaurant Kreuz. Hier empfängt man uns im Sääli am festlich gedeckten weissen Tisch. Ein absolut sensationelles Salatbüffet, das jederzeit wieder eine Reise nach Bärschwil wert wäre, stillt den meisten Hunger. Als ob das nicht genug Luxus wäre, werden wir mit dem eingangs erwähnten Gratiscoupe verwöhnt. War das nun ein Tagesritt oder ein Schlemmertrip?
Satteln, zäumen, Abmarsch. Anstieg nach Grindel. Wieder ein aufgeräumtes, sonntägliches Dörfchen, das wir durchreiten. Die Pferde trinken am Brunnen. Ein allerletzter Anstieg. Schweissnass erreichen wir Pkt. 671 m.ü.M. Ein langes Stück führen wir unsere müden Tiere den Berg hinab bis Büsserach. Hier verabschieden sich ¾ der Biker. Auch die Reitergruppe trennt sich, denn Silvias kleine Herde ist ja hier schon zuhause. Ein wunderbares Wochenende ist fast zu Ende.
Vielen herzlichen Dank, lieber Reiterverein, dass ihr mich „Neuling“ samt Kind so freundlich aufgenommen habt! Es war ein einmaliges Erlebnis. Sicher werde ich noch lange von all den Eindrücken zehren. Vielen Dank an die Organisatoren Franziska und Bruno. Vor allem wenn alles klappt, vergisst man leicht, wie viel Vorbereitung sicher hinter einem solchen Anlass steckt. Wie viel planen, telefonieren, organisieren… Ihr habt uns allen 2 unbeschwerte Tage beschert damit, merci an Euch.
Lucy’s Reiterin
08.09.2008
|